Cerberus
Katzes Meinung stand fest. Sie sollten alle die Beine in die Hand nehmen und Hamburg – besser noch Europa – verlassen. Alternativen dazu gab es für ihn nicht. Er drehte sich auf dem Beifahrersitz nach links und machte Tom klar, was er von seinem Vorschlag hielt. »Marokko mit dem Schiff? Glaubst du, ich bin ein bekackter James Cook?«
Der schwieg und steuerte seinen Ascona die Palmaille runter Richtung Landungsbrücken.
»Wir können auch mit 'nem Russenlaster über den Ural. Fette Minusgrade. X Krisenregionen und Kriegsherde und dann noch mit Taliban dealen. Das wäre voll die Show, Alter. Da wären wir weit vorne. Weit vor Hooligan-Schubsern und Castorbehälter-Aufschraubern.«
»Halt die Klappe, Metzi. Was ist Tom? Sehe ich aus wie Cook?« Als der keine Anstalten machte, sprach er trotzig gegen die Windschutzscheibe: »Ich gehe auf kein Schiff. Punkt. Und du, Metzi, hör' endlich mit dem Alter-Gequatsche auf.«
»Ja, nee, is klar. Alter ...« Katze drehte sich mit wütendem Gesicht um. Metzi machte ein übertrieben ängstliches Gesicht »... alter Hustensaftschmuggler, wollte ich sagen, Digga.«
Ronny klopfte Katze auf die Schulter. Marokko ist fast Europa. Die sprechen sogar Französisch.«
Metzi ließ ein Blöken vom Stapel: »Genau.«
»Suuuper.« Katze war wenig begeistert. »Dann sagen die Turbanträger höflich Bonjour, bevor sie mir die Kehle durchschneiden.« Er schnaubte störrisch.
Tom, der sich bis jetzt rausgehalten hatte, drehte sich an einer roten Ampel kurz zu Katze um. »Ronny hat recht. Marokko und ein Schiff. Nur so kann es mit der Tonne Grass klappen. Außerdem kennt Ronny jemanden in Marokko.« Ronny zuckte kaum merklich zusammen. Eine richtige Adresse war das nicht, aber in dieser Situation hielt er lieber den Mund. Nach einer kurzen Pause fuhr Tom fort, Katze zu beruhigen. »Die Jungs da unten sind auch nur arme Schweine wie wir. Die bringen nicht jeden einfach so um.«
»Und warum habe ich eine Vision im Kopf, in der wir von einer wilden Horde Muslime durch die Wüste gejagt werden?«
»Jetzt hör mal auf, Katze. Du klingst, als würdest du dem Terrorwahn unserer Innenminister glauben. Mit dem Segler kommen wir überall als Touristen durch. Das einzige, was sie dir rauben werden, sind deine Nerven beim Feilschen.«
»Ein Segler?« Katze starrte Tom fassungslos an. »Hast du gerade Segler gesagt? Ich dachte, es wäre von einem Schiff die Rede. Jetzt noch ein Segler. Das bedeutet Arbeit. Wahrscheinlich auch noch körperlich.« Er schüttelte deprimiert den Kopf.
Metzi blökte. »Oh Mann. Marokko. Ich wollte schon immer mal gegen eine echte Moschee pissen.« Er blickte raus und zeigte auf ein paar Gebäude. »Hey, die Hafenstraße. Geile Zeit.«
Er schaute wieder nach vorne und sah alle Blicke auf sich geheftet. Selbst Tom sah ihn über den Umweg des Rückspiegels an. Metzi zuckte mit den Schultern. »Is was?«
Katze, brach das beinahe entsetzte Schweigen. »Du willst gegen eine Moschee pissen?«
Metzi grinste: »Ach so. Ich dachte schon, ihr steht nicht auf die Hafenstraße. Was bei euch ja echt unwahrscheinlich wäre.« Seine Augen zwinkerten schelmisch. »Ja klar. Ich habe sie schon fast alle durch. Nur 'ne Moschee, einen japanischen Tempel und eine Buddhastatue habe ich noch nicht. Aber ich kann aus Überzeugung keinen Buddha anpissen.«
Katze hakte nach. »Du scheißt also auf alle Religionen?«
»Nein, ich pisse. Außer bei der Scientology, da habe ich vor den Haupteingang geschissen«, stellte Metzi klar. »Außerdem pisse ich nicht auf Religionen und den Glauben, sondern auf ihre selbstherrlichen Tempel und ihre verlogenen Inszenierungen. Soll doch jeder glauben, was er will. Nur organisiert ist Glauben gefährlich. Im Namen der katholischen Kirche werden seit 2000 Jahren Menschen hingerichtet. Tod und Leid ist das, was organisierter Glauben bewirkt. Also pisse ich als guter Anarchist auf alle kirchlichen Gemeinschaften und deren Tempel.«
»Daher auch deine Bedenken bei Buddha.« Tom versuchte, Metzis schrägen Gedanken zu folgen.
»Genau.«
Ronny, der sich selbst gern als Stammtisch-Kommunist bezeichnete, fragte nach: »Du willst also Kirchen abschaffen?«
»Genau.«
»Dann bist du nicht besser und schlechter als die Kirchen selbst.«
»Wieso?«
»Du unterdrückst den freien Willen. Schaffst ein einzuhaltendes Regelwerk. Nicht sehr anarchistisch.«
»Der freie Wille bleibt durch absolute Glaubensfreiheit erhalten. Nur nicht organisiert. Ganz nach Aristoteles, Dicker. Der hat Anarchie als friedliebende Solidargemeinschaft ohne Staat und Kirche definiert.« Metzi gab sich kämpferisch.
»Hat Aristoteles in diesem Zusammenhang auch was über schnorrende Punks vor dem Bahnhof Altona gesagt?«
»Metzi winkte ab. »Leck mich, Dicker! Das schnallt deine mit Manifesten zugebombte Kommunistenbirne ja doch nicht.« Er sah theatralisch beleidigt aus dem Seitenfenster.
»Ich bin jedenfalls gerne Demokrat.« Selbst für Katze war das Thema Marokko nicht mehr präsent.
Jetzt war es an Tom zu attackieren. »Was du Demokratie nennst, ist nichts anderes als ein Industrie-Feudalismus, der auf den Spuren von Darwin wandelt. Die Armen bekommen immer mehr Gesellschaft aus dem ehemaligen Mittelstand und die Reichen eine fünfte Yacht in Monaco.«
»Genau, Dicker.«
»So sieht die Realität aus. Auch wenn Tom einer von diesen Anti-Globalisierungsträumern ist, er hat recht. Aber die Lösung liegt einzig und allein im Kommunismus.« Ronnys Stimme dröhnte ungewöhnlich laut im Wagen. »Arbeiter- und Soldatenräte.«
»Viva Anarchie, viva Durutti«, konterte Metzi.
Katze blieb standhaft. »Die Demokratie ist das einzig Wahre!«
»Eine Weltregierung, die keine Nationen und Hautfarben kennt« war Toms Kommentar, bevor Ronny das Thema mit »Dann haben wir das ja geklärt« abschloss.
Das darauf folgende Schweigen unterbrach Ronny erst nach drei weiteren Ampeln. »Um noch mal auf das Schiff zurückzukommen. Wir kriegen den Kahn für 20 000 Euro.«
In Katze brach der Nörgler durch. »Toll, wir riskieren x Jahre Knast und bekommen dafür ein Segelboot. Super Angebot. Da nehme ich doch gleich zwei.«
Ronny bekam einen spontanen Wutausbruch. »Es ist kein Angebot, auch kein super Angebot. Entweder wir machen das, was Albert uns sagt, oder wir können unser Testament machen. Ende der Geschichte. Wir haben nicht gerade viel Zeit. Das ist der einzig gangbare Weg. Und jetzt hör' endlich mit dem Geweine auf!«
»Der einzig gangbare Weg«, äffte Katze seinen Kumpel nach. »Guter Witz. Wirklich guter Witz.« Die Säure in seiner Stimme ließ keinen Zweifel, dass es kein guter Witz war und schon gar kein wirklich guter.
»Hast du andere Ideen? Dann raus damit.« Aus Ronnys Stimme war jede Freundlichkeit gewichen. Er wurde richtig sauer.
»Ich bräuchte mehr Zeit ...«, antwortete Katze, aber Ronny war in Fahrt: »Genau das, was wir nicht haben. Also Ende im Gelände.«
Tom parkte den Wagen direkt an einer abseits gelegenen Pier. Direkt vor einem heruntergekommenen Schoner. Ein ehemals schnittiger Zweimaster, der eigentlich nur auf seine Verschrottung wartete. Das Deck war übersät mit Planen, gammeligen Tauen, Metallteilen und anderem ausgemusterten Unrat. Die schwarze Farbe blätterte praktisch überall vom Rumpf ab, und wo blankes Eisen der Luft ausgesetzt war, wucherten prächtige Rostrosen. Kaum war Katze ausgestiegen, zeigte er aufgeregt auf das Schiff. »Der Seelenverkäufer? Niemals! Da reist ja der fliegende Holländer gemütlicher.« Aufgeregt lief er am Pier auf und ab. »Niemals!«
»Kann den mal jemand abstellen«, fragte Tom, der seine Hände flach auf dem Autodach übereinandergelegt hatte und als Kinnstütze benutzte. Aus seinem Mundwinkel hing lässig ein unangezündeter Joint.
»Genau, Dicker. Ein bisschen Farbe, und schon sieht der Kahn wieder flott aus.« Metzi war scharf auf das Abenteuer und bereits Feuer und Flamme. »Entern! Männer, mir nach.« Er flitzte über die Stelling, stolperte über eine Kante und beschleunigte mit drei riesigen Ausfallschritten nach vorne, überquerte das Deck ohne ernst zu nehmenden Bodenkontakt und erreichte mit enormem Tempo die Backbordseite. Er versuchte sich mit einem beherzten Griff am Rigg des hinteren Mastes festzuhalten. Aber der Schwung war zu groß. Er schleuderte über die gerade mal kniehohe Reling und wirbelte dabei am ausgestreckten Arm herum. Der Rest entzog sich den Blicken der drei am Auto. Dafür konnten sie anhand der Geräusche nachvollziehen, was mit Metzi gerade passiert war. Alle drei krümmten sich vor Lachen. Tom fiel der Joint aus dem Mund, und er trommelte auf dem Dach herum. Doch wie auf Kommando hörten alle drei mit dem Lachen auf. Etwas fehlte. Kein Fluchen, kein Geplantsche. Ronny schaltete sofort. Er sprang elegant mit zwei Schritten über die Laufplanke, und drei Schritte später war er schon mit einem Kopfsprung unterwegs in das brackige Hafenwasser. Katze und Tom liefen hinterher und erreichten die Reling, als Ronny seinen benommenen, nach Luft schnappenden Freund in einen professionellen Rettungsgriff nahm.
»Lebt der noch?« Tom klang ernsthaft besorgt.
»Der hat ein Riesenhorn. Mit Schmackes an die Bordwand geklatscht, würde ich sagen.« Ronny schien sich sicher zu sein, dass Metzi noch lebt.
» ...enau!«, brabbelte Metzi los.
Mit kräftigen Schwimmzügen zog ihn Ronny zum Heck des Schiffes.
Katze betrachtete die Szene. »Manchmal glaube ich, Ronny war wirklich bei den Kampfschwimmern.«
Tom zuckte mit den Achseln. »Warum nicht. Kann doch sein.«
»Ich meine, hast du gesehen, wie der losgespurtet ist? Und dann eben die Schwimmeinlage mit Klamotten und Metzi... Der war zehnmal schneller als ich unter optimalen Bedingungen im Schwimmbad.«
Tom betrachtete Katzes üppigen Bauch. »Selbst eine verankerte Bohrinsel wäre schneller als du.«
»Hör mal, Moby Dick ist wichtiger Bestandteil meiner Ahnenreihe.« Er drückte seinen Bauch fast liebevoll. »Mütterlicherseits.«
Tom hatte sich umgedreht und ging zur Steuerbordseite. »Und väterlicherseits?«
»Das Chrysler Building.«
Tom schlug seinem Freund, der ihn eingeholt hatte, lächelnd auf die Schulter. »Komm schon! Wir machen den Kahn wieder flott. Und dann ein paar Wochen Seemann. Da erleben wir das Abenteuer unseres Lebens, und du kannst bei viel frischer Luft ein paar Kilo abspecken.« Katze grummelte Unverständliches in seinen Fünf-Tage-Bart. Tom wertete das als 80 Prozent Zustimmung, zehn Prozent echten Widerwillen und zehn Prozent völlig normalen Katze-Trotz.
Ronny hatte inzwischen eine verrostete Eisenleiter entdeckt, die für Fälle wie diesen in die Spundwand der Kaianlage eingelassen war. Er sprach Metzi an: »Kommst du alleine hoch? Oder muss ich dich tragen?« Er hielt Metzis Gesicht unter dem Kinn gefasst. Ein Zeigefinger erschien aus dem Wasser. »Ein Spitzen-Piraten-Stuntman ... Jau, das bin ich.« Metzis Blick fokussierte glasig das Nichts.
»Scheiße, der ist komplett weggetreten«, sagte Ronny zu sich selbst und schulterte den sichtlich angeschlagenen Punk, dessen Igelfrisur zottelig am Kopf klebte. Mit einer fast akrobatischen Nummer wuchtete Ronny den Körper nach oben.
»Der kann bestimmt auch Kartoffeln zerquetschen.« Katze staunte über die unbändige Kraft.
»Der Seewolf?«, fragte Tom.
»Jo.«
Als Ronny die oberste Sprosse erreicht hatte, nahmen ihm Tom und Katze die Last ab.
Metzi glotzte erwartungsvoll, aber ohne Tiefenschärfe in die Runde. »Und? ... Ist die ... äh ... Szene im Kasten?«
»Krankenhaus?« fragte Ronny, Metzis Gebrabbel ignorierend, in die Runde.
»Krankenhaus«, bestätigten Tom und Katze gleichzeitig.
»Regiiiiiihie, ich habe eine Frage gestellt?« Metzi brabbelte weiter.
»Wer fährt?«, fragte Tom.
»Zustände ... beschweren ... Stuntmangewerkschaft, Piratenabteilung.«
»Ich will erst mal meine Sachen trocken kriegen«, stellte Ronny klar und demonstrierte seinen Unwillen, indem er seine Lederjacke auswrang.
»Ich helfe ihm.« Toms Argument war schwach, aber im gleichen Moment hatte er Katze den Autoschlüssel zugeworfen, der ihn geistesgegenwärtig auffing. Katze knurrte. Dann willigte er ein. Gemeinsam verfrachteten Sie den plappernden Metzi auf die Rückbank. »Scheiß Hollywood. Scheißregie. Scheißpiratenfilm. Scheißstuntmangewerkschaft...«
Als Katze davongefahren war, lehnten sich Tom und Ronny an einen Poller.
»Was für eine Action«, seufzte Tom.
»Du hattest doch gar keine Action«, stellte Ronny klar.
»Ich bin halt sensibel und herzkrank.«
In diesem Moment trieb ein Windstoß Toms Joint aus einer Pflasterfuge der Kaianlage. »Hey!« Tom machte sich lang, nahm den Joint auf und steckte ihn sich in den Hals. Ohne hinzusehen reichte ihm Ronny das aufgeschnappte Zippo. Schweigend rauchten sie die ersten Züge. Auf halber Jointlänge fing Tom zu kichern an und bekam den Anfall nicht mehr unter Kontrolle. Fünf Sekunden später kringelten sich zwei Gestalten auf der gepflasterten Pier.
Als sie sich wieder beruhigt hatten, sprach Tom seinen Freund auf die sportliche Einlage an. »Warst du wirklich mal bei den Kampfschwimmern?«
»Jo, vier Jahre. Da wollte ich eigentlich gar nicht hin. Ich dachte bloß, dass man als Hamburger einfach mal zur See gefahren sein muss. Aber dann kam beim Eignungstest »Kampfschwimmer« raus. Die Navy-Seals der Bundesmarine.«
Tom grinste spöttisch. »Navy Seals, sicher.«
»Echt. Von 30 Leuten überstehen nur zwölf die Grundausbildung«, sagte Ronny und schnippte den Jointstummel in die Elbe. »Lass uns mal an Bord gehen. Ich muss aus den nassen Klamotten raus. Und dann rufen wir Albert an. Metzi bürgt ja jetzt für die Stabilität des Schiffes.«
Sie standen grinsend auf und gingen an Bord.
Als Katze und Metzi wieder an Bord erschienen, war bereits alles gelaufen. Das Gespräch mit dem Eigner war kurz und schmerzlos gewesen.
»Und wie habt Ihr den Kahn bezahlt?«, wollte Katze wissen.
»Ich habe erst mal meinen Boss angepumpt. Vielleicht springt am Ende des Albert-Deals ja genug für uns raus.«
»Lass mal stecken. Ich habe in Strehlitzʼ Koffer zweihundert Fünfhunderter gegen zweihundert Hunderter ausgetauscht. Wir haben also genug Startkapital.«
Alle sahen Katze verblüfft an. Ronny stellte schließlich die Frage: »Du hast was?«
»Ich habe uns 80 000 Startkapital beschafft. Das habe ich.« Katze blickte feindselig in die Runde.
»Und Albert beschissen und uns damit an den Galgen geliefert«, sagte Tom sauer.
»Quatsch, Albert wusste nicht, dass außer dem Notebook auch Kohle drin war. Das hat mich und Gürkan die halbe Nacht gekostet, fast neue Hunderter zu organisieren und gegen die Fünfhunderter-Scheine auszutauschen. Außerdem habe ich das so geschickt gemacht, dass selbst von Strehlitz nicht drauf kommen würde.«
»Und wenn doch?« Toms Argument verpuffte in der kühlen Luft.
Schließlich war es Ronny, der Katzes eigenmächtigem Handeln auch gute Seiten abgewinnen konnte. »Immerhin können wir die Ware in Marokko jetzt kaufen und müssen sie nicht klauen.«
»Zum Beispiel«, sagte Katze. Auch wenn er andere Dinge mit dem Geld vorgehabt hatte, war er doch erleichtert, die halbe Beichte hinter sich zu haben. Die andere Hälfte würde schwerer werden.
Tom deutete auf Metzis enormen Kopfverband. »Bist du jetzt zum Islam konvertiert? Willst du jetzt nicht mehr an eine Moschee pissen? Ich an deiner Stelle würde das als Zeichen Allahs sehen.«
»Leck mich! Ich habe mörderische Kopfschmerzen, Dicker.«
Diesmal war es Ronny, dem Metzis Satzbau auf die Nerven ging. »Metzi! Ich will kein Alder und kein Digga mehr von dir hören. Weder heute, noch morgen, noch in den nächsten fünf Wochen. Ist das klar?«
»Klar, Lutscher.«
Ronny tat so, als wollte er Metzi sein Zippo an den Kopf schmeißen, widmete sich aber dann wieder der Jointbaustelle vor sich. Er saß in einem verschlissenen, aber trockenen Arbeits-Overall auf dem Deck. Tom hatte es sich auf einem Segelsack bequem gemacht. Metzi und Katze saßen auf einem Flansch aus Gusseisen, der ohne Weiteres als Couchtisch hätte fungieren können. Ronny rollte geschickt das lange Papier um den Tabak. »Was sagt der Doc?«
»Hab' nen Eisenschädel, sagt er. Aber Kopfschmerzen und Beule bleiben die nächsten Tage meine Begleiter.«
»Na dann ... Happy Aspirin.«
»Lass mal stecken. Dig ... ähh ... Ich habe nichts für die Pharma-Abzocker übrig. Ich hab' da meine eigenen Mittel.« Metzi deutete auf den Joint, den Ronny gerade zurechtzupfte.
Nachdem das Thema Metzi abgehandelt war, sprach Tom beinahe gelangweilt die eigentliche Neuigkeit aus. »Wie gefällt euch unser neues Schiff?«
Ronny knallte seinen Cowboystiefel auf das Deck. »Eigener Grund und Boden, sozusagen.«
Die nächsten fünf Minuten hatte Katze das Sagen. Sein Monolog aus Vorwürfen, Demokratieappellen, Freundschaftsbezeugungen und persönlichen Angriffen, begann mit »Wie könnt ihr bloß« und würde sehr wahrscheinlich auch damit enden. Tom und Ronny nahmen das erstaunlich gelassen hin. Metzi versuchte immer wieder, Katzes Redeschwall mit Gegenargumenten zu unterbrechen. Vergeblich. Katze redete ohne Pause weiter. Einmal kam Metzi dazwischen, aber die Kombination aus Beule und Joint hatte ihn vergessen lassen, was er sagen wollte.
Ronny nutzte Katzes Irritierung. »Die Sache ist im Kasten. Wir haben ein paar Adressen, wo wir entsorgen und einkaufen können. In fünf Wochen will Albert das Grass sehen. Tom sagt, wir brauchen zwei Wochen runter bis Gibraltar. Macht hin und zurück vier. Wir sollten also zusehen, dass wir vorher möglichst viel Ballast loswerden. Dazu verholen wir zum Schrottplatz.« Ronny sah seinen Freund an. Und Katze wusste, dass der Kampf verloren war, trotzdem setzte er noch einmal an. »Aber ...«
»Es gibt kein aber. Denn aber heißt in diesem Fall Tod. Wir verholen zum Schrottplatz!«
»Da gehört dieser Seelenverkäufer auch hin. Ich fühle mich wie auf B. Travens Totenschiff.« Katzes Antwort war kleinlaut.
Ronny ignorierte Katzes Einwurf. »Und dann müssen wir die Maschine auf Vordermann bringen.« Katze blickte plötzlich interessiert auf. Und Ronny sah genau den Blick in Katzes Augen, den er provozieren wollte. Der erste Köder war gelegt.
»Wie? Die alte Kogge hier hat eine Maschine?«
Tom legte einen zweiten Köder aus. Er dozierte aus einem Schnellhefter. »Länge über alles 30,80 Meter, Breite 5,80 Meter, Tiefgang 2,70 Meter, Masthöhe 27 Meter, 790 qm Segelfläche. Zusatzantrieb ...« Tom machte ein Pause und beobachtete Katze. »150 PS, Diesel, Baujahr 1936, Hersteller Ford.«
Katzes Augen glühten. Tom und Ronny grinsten.
Tom breitete theatralisch die Arme auseinander. »Darf ich vorstellen, Zweimastschoner Cerberus. Geboren 1908 in Manchester. Aufgewachsen als schneller Frachtsegler vor der europäischen und afrikanischen Küste.«
»Cerberus gefällt mir«, sagte Metzi.
»Steht da was von Höchstgeschwindigkeit, Drehzahlen oder Drehmoment drin?« Katze blickte gierig auf den Schnellhefter in Toms Händen. Der konnte sein Grinsen kaum verbergen und blätterte umständlich in der kleinen Mappe herum. »Hier ist eine Tabelle ...« Theatralisch drehte er das Papier und setzte einen ratlosen Blick auf. Während Tom und Ronny in einem Lachanfall ausbrachen, wurde Metzi Zeuge eines äußerst seltsamen Schauspiels. Katze wurde seinem Spitznamen ausnahmsweise einmal gerecht. Nur Bruchteile von Sekunden später war die Situation die alte. Mit einer Ausnahme. Jetzt hatte Katze den etwas mehr verknitterten Schnellhefter und war ganz darin vertieft. Katze konnte schnell sein – wenn er wollte. Metzi begriff, dass Tom und Ronny das von langer Hand vorbereitet hatten, und lachte mit. Er war bereit zum Anheuern. »Also, was steht an, Skipper?«
»In einer halben Stunde kommt Pepe mit zwei Kumpels und einer Schaluppe vorbei. Die schleppen uns dann zum Schrottplatz. Derweil flitzen Tom und Katze los. Arbeitsklamotten, Werkzeuge und Baustrahler besorgen. Wir machen bis dahin in Sperrmüll.«
Katze schlug mit dem Handrücken auf den Schnellhefter. »Dazu brauche ich Vergleichswerte, so nützt mir das gar nichts.« Er versank in einer neuen Seite und wieder in der Welt des manipulationssüchtigen Technik-Freaks.
»Warum müssen wir geschleppt werden? Funktioniert die Maschine nicht?« Metzi sah Ronny an, aber Tom antwortete: »Keine Ahnung. Über der Klappe zur Maschine stapeln sich drei Tonnen Altmetall.«
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